Erwachsene Kinder aus Alkoholikerfamilien tragen aus ihrer Vergangenheit häufig schmerzliche Gefühle und Verletzungen bis hin zu Traumata in sich, die ihr ganzes Leben lang Auswirkungen zeigen (können). Menschen, die Sie vielleicht schon viele Jahre glauben zu kennen, leben hinter einer perfekten Fassade, denn sie haben von Kindheit an gelernt zu schweigen und zu verbergen.

Dass sich traumatische Erlebnisse im Gehirn weder löschen noch verändern lassen, ergeben bisherige wissenschaftliche Ergebnisse. Traumata werden gespeichert und mit einem sogenannten „Schreibschutz“ versehen; während normale Erinnerungen überschreib- und abwandelbar sind, bleiben traumatische Erlebnisse (derzeit) unveränderbar erhalten.

… Noch Jahrzehnte nach der traumatischen Erfahrung tauchen die schrecklichen Erinnerungen immer wieder im Alltag auf und verursachen damit Stress, Persönlichkeits- sowie Angststörungen und Depressionen. Nur mit kleinen Schritten schaffen es Neurowissenschaftler und Psychologen bislang, der Angst auslösenden Erinnerung Herr zu werden – und scheitern immer wieder an deren Hartnäckigkeit.
Denn die Folgen der Dauerbelastung können das Gehirn selbst tief greifend verändern. Neben einer Verschiebung des chemischen Gleichgewichts von Neurotransmittern und Hormonen – beispielsweise durch eine Überproduktion des so genannten Stresshormons Kortisol – entdeckten Forscher sogar anatomische Veränderungen. Bei einigen Betroffenen zeigte sich so unter anderem, dass der Stress den Hippocampus schrumpfen ließ. Die Hirnstruktur ist maßgeblich für die Gedächtnisbildung verantwortlich. (Spektrum der Wissenschaft, Die Woche, 36. Woche 2009, „Gegen das Erinnern“ von Jan Dönges)

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Auch nach vielen Jahren können daher solche Erinnerungen mit dazu verknüpften Gefühlen, Wahrnehmungen und Ängsten genauso präsent sein, wie sie in Kindertagen erlebt wurden. Die derzeit hilfreichste Möglichkeit für betroffene Kinder aus alkoholbelasteten Familien ist die einer Psychotherapie, um einen angst- und stressreduzierten sowie heilenden und sorgsamen Umgang mit sich selber und mit der Vergangenheit zu erreichen – dies mit häufig sehr gutem Erfolg.

Wie die Folgen so einer Kindheit sein können, finden Sie unter der Rubrik „Die Erfahrungen“. Betroffene erwachsene Kinder erzählen an dieser Stelle, wie es ihnen ergangen ist (noch ergeht) und wie die Folgen tatsächlich aussehen (können).

… wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben. (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, S. 318).

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Foto: © Kristina Flour/unsplash